Am Samstag, dem 18.6.2011, lernten wir im Café KÖbner Ferdinand, den Mann mit dem freundlichen Herzen, kennen. Der fühlte sich als Heimkehrer abgewertet, da diese Bezeichnung einerseits mit Teppichkehrern assoziiert wird, andererseits mit Heimen wie Obdachlosenheimen, Asylantenheimen und so weiter - beides nicht sehr ehrenvoll! Da er sich in Gegenwart seiner Braut immer unwohl und beklommen fühlte, suchte er intensiv nach einem Mann für sie, bis sie ihm nach einem Fest eröffnete, dass er kein Mann für normale Zeiten ist und sie ihn wohl nie lieben kann. Seine Suche nach einem Mann für sie war also müßig, da sie sich selbst längst von ihm abgewandt hatte - tragischer Irrtum!
Ferdinand wurde uns vorgestellt von Pianistin und Sängerin Gerhild Bitzer, die verschiedene Texte der Dichterin Irmgard Keun vertont hatte, und Rezitator Uwe Neubauer, der in seiner im Café bereits bekannten pointierten Art Teile von deren Werk las.
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Irmgard Keun wurde 1905 bei Berlin geboren, 1931 wurde sie mit ihrem ersten Roman "Gilgi - eine von uns" berühmt. Im Nationalsozialismus wurden ihre Bücher verboten, sie ging ins Exil. Trotz ihrer ersten Erfolge konnte sie nach dem Krieg literarisch nicht mehr Fuß fassen. Sie war Alkoholikerin, wurde 1966 entmündigt in die Psychiatrie eingewiesen und lebte danach zurückgezogen in Bonn und in Köln. Erst drei Jahre vor ihrem Tod im Jahre 1982 wurden ihre Bücher wiederentdeckt. Irmgard Keun schrieb leicht, aber lebte schwer.
Ihr Überlegungen, was wäre, wenn wir alle gut wären, klangen fast witzig, hatten aber einen sehr ernsten Hintergrund: Polizisten, Richter, Rechtsanwälte, Gefängnisaufseher etc. wären arbeitslos, und die Menschen hätten nicht viel Stoff, um übereinander zu reden, da Gutes nicht genug hergibt. Im Umkehrschluss heißt das: Die Menschen sind nicht gut, und das Böse ist vorherrschend im menschlichen Zusammenleben. Das brachte Irmgard Keun auch durch ihre Klage über die Nachbarschaft zum Ausdruck, die sich gegenseitig das Leben schwer machen kann, auch wenn die Nachbarn als Individuen durchaus nette Menschen sein können. Abschaffen kann man das anonyme Kollektiv Nachbarschaft aber nicht, da man selbst Teil davon ist. Sie nahm auch bezüglich der Politik und insbesondere des Hitler-Regimes kein Blatt vor den Mund, der kritische Blick auf Politik und Gesellschaft war ihr Hauptthema.
Nicht nur ihre Erkenntnis, dass es keine Finanzkrisen gäbe, wenn wir alle gut wären, ließ ihre Gesellschaftskritik hochaktuell erscheinen. Dank an Gerhild Bitzer und Uwe Neubauer, dass sie uns eine den meisten von uns kaum oder gar nicht bekannte Schriftstellerin ausdrucksstark und trotz aller trüben Inhalte kurzweilig vorgestellt haben!
Karin Weishaupt