Spielfilm fürs Ohr



"Es ist nicht deine Zeit!"

Was passiert, wenn jemand etwas zur unrechten Zeit tut? Wenn zum Beispiel eine kleine Kirschblüte mitten im Winter beschließt zu blühen? Dann kann es doch arg kalt und beklemmend unter der schweren Schneelast werden. Im Sommer und im Herbst ist es auch nicht besser, wenn keine Artgenossen da sind; da kann man der Kirschblüte, die ihre eigenen Vorstellungen hat, wann sie blühen will, nur zurufen: "Es ist nicht deine Zeit!" Aber ein - wenn auch noch so gut gemeinter - Rat nützt oft wenig; der Kirschbaum wusste es das: "Es ist besser, wenn du selbst darauf kommst" - nämlich dann zu blühen, wenn auch andere Kirschblüten da sind und Bienen, die sie bestäuben können, sodass sie zu roten Kirschen werden.

Das alles hörten wir in der Fabel "Die kleine Kirschblüte" von Dirk Fried, die uns Josef Schoenen am 14. Januar im Café KÖbner vortrug - immer wieder unterbrochen durch eigene Kompositionen, die zwischen Jazz, Klassik, Funk und Chanson liegen und die er gekonnt auf der Gitarre vortrug. Josef Schoenen ist freiberuflicher Künstler, der Literatur mit eigenen Kompositionen in Szene setzt und Sprechunterricht erteilt. Als er eines Tages Dirk Fried begegnete, war er sofort von dessen Fabel berührt und beschloss, sie in sein Repertoire aufzunehmen.

Josef Schoenen leitete seine Lesung, bei er schauspielerisch in die einzelnen Rollen schlüpfte, durch einen Text von Hermann Hesse ein: Der Mensch hat keine andere Pflicht, als sich selbst zu suchen, seinen eigenen Weg zu finden. Es ist sein wahrer Beruf, sich selbst kennen zu lernen; alles andere ist nur Angst vor sich selbst.

Das war eine gute Einleitung für "Die kleine Kirschblüte", der es erst nach zwei Jahren auf Irrwegen gelang, zur rechten Zeit zu erblühen und zu einer Kirsche zu werden. Die Deutung, sich immer nur anzupassen und regelgerecht zu verhalten, würde allerdings zu kurz greifen: Immerhin gewann die kleine Kirschblüte durch ihr "aufmüpfiges" Verhalten Erfahrungen, die sonst niemand hatte, und viele Freunde, denen sie einiges zu erzählen hatte und die gern in ihre Nähe kamen. Es hat also auch sein Gutes, unkonventionelle Wege zu gehen und eigene Erfahrungen zu machen, die von der Normalität abweichen.

Mit dieser Fabel und seiner Musik, die dem Text hervorragend angepasst war und seine Wirkung unterstrich, bereitete Josef Schoenen den Gästen im Café einen wirklichen Genuss, der vielleicht zum Besuch weiterer Lesungen von ihm anregen wird.

  Karin Weishaupt